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Der Fußballjargon der Eigentlichkeit

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Abb.1: »Our Culture. Contre le Football moderne.«

Wann immer moralisierend die Unterscheidung von gut und böse auf die soziale Wirklichkeit projiziert wird, sollte man Vorsicht walten lassen. Das gilt, pars pro toto, auch für den Fußball: Hier wird immer wieder munter zwischen guten und schlechten Fans unterschieden (etwa Ultras vs. »Erfolgsfans«), zwischen Spielern besseren oder schlechteren Charakters (Vereinstreue vs. »Söldner«), zwischen echten und künstlichen Vereinen (Traditionsclubs vs. Werks- oder Oligarchenclubs) und so weiter – das dieser Logik zu Grunde liegende Muster dürfte seiner Struktur nach hinreichend klar hervortreten: Immer droht das Eigentliche und Echte unterlaufen zu werden, und als Folge dieser Tendenz ist auch die eigene Identität in Gefahr. Lediglich die Ebenen der Zurechnung schwanken: Wahlweise wird die Fankultur als solche (zu der man sich selbstverständlich dazurechnet) als bedroht wahrgenommen, mal die eigene Mannschaft bzw. der eigene Verein, gerne auch die traditionelle Verfasstheit der jeweiligen Liga und nicht zuletzt, quasi-transzendental, der Fußball selbst.
Heruntergebrochen auf einen bloßen Slogan werden dann im Lager der sich kritisch wähnenden »wahren Fans« Parolen »Gegen den modernen Fußball!« skandiert. Der Begriff dient als Chiffre für das Andere, Diffuse, Unbestimmbare und Komplexe.

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Abb.2: Traditionalismus, in textiler Form.

Die pathologische Übertragung der als Bedrohung empfundenen Veränderungen des sich in den letzten Jahrzehnten rapide professionalisierenden Fußballs auf das eigene Selbst führt zu einer Radikalisierung der ursprünglichen gut/böse-Differenz: Weil die eigene Kultur, der eigene Verein, die eigene Tradition, der Fußball als solcher (oder alle zugleich) bedroht sind, gilt es, sie zu verteidigen. Die moralische Unterscheidung von gut und böse wird totalisiert indem sie in das Schema von Freund und Feind übertragen wird. Das bedrohliche und un-heimliche Andere, nun zum Feind deklariert, kann und muss zur eigenen Selbsterhaltung bekämpft werden.
Nicht zufällig war es der Staatsrechtler und »Kronjurist des Dritten Reiches« (Gurian) Carl Schmitt, der die Unterscheidung von Freund und Feind in seiner erstmals 1927 veröffentlichten (und für Hitler mehrfach überarbeiteten) Schrift »Der Begriff des Politischen« als »die spezifisch politische Unterscheidung« bezeichnete. Die Anwendung dieser »äußersten Unterscheidung« erlaubt es Schmitt und seinen Nazi-Gefolgsleuten, »das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden Konfliktsfalle [als] die Negation der eigenen Art Existenz« zu beschreiben – und seine Bekämpfung zu rechtfertigen »um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu bewahren.«

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Abb.3: Kulturbekenntnis.

Eben hier ist die Tradition zu verorten, in die man sich begibt, wenn man es sich allzu leicht macht mit der Kritik: Wenn man seinen traditionalistischen Fußball gentrifiziert sieht durch Familienväter in den Kurven, durch die »un-eigentlichen« Erfolgsfans auf den Sitzplätzen, durch Bosse und Yuppies in ihren VIP-Logen moderner Arenen. All diese Feindbilder verhalten sich vermeintlich parasitär zum eigentlichen Fan und bedrohen dessen Existenz und Lebensraum. Wenn das Herzblut der authentisch-eigentlichen Fußballkultur mit dem Vorrecht der echten Fans auf ihren Platz im Stadion verquickt wird, tritt hervor, was solchen Argumentationsmustern immer schon latent zu Grunde liegt: eine kollektivistische Blut-und-Boden-Ideologie.  

Die Fußballvereine gehören ihren Fans, die diesen schon Jahre überall hin folgen und ihr Herzblut dafür geben. Sie sollten kein Spielball von Profil neurotischen [sic!] Managern und Investoren sein, kein Spekulationsobjekt für Aktionäre und Konzerne.
– Schickeria München (»Gegen den modernen Fußball«, zitiert hier).

Immer wieder wird dabei alte Lied von den Konzernen und Heuschrecken und dem Kapitalismus angestimmt. Brandgefährlich wird die Nummer, wenn diese abstrakten Konzepte (Finanzkapital, Finanzzirkulation, Spekulation etc.) auf konkrete Projektionsflächen heruntergebrochen werden: Es ist offenkundig, dass diese Argumentation notwendig eine offene Flanke zum Antisemitismus besitzt (jahrhundertelang wurden immer wieder Juden mit den aus der Anwendung dieses Erklärungsmusters resultierenden Stereotypen identifiziert und als Wucherer, Spekulanten, Betrüger oder ausbeuterische Kapitalisten und schließlich nach Maßgabe Carl Schmitts als das radikal Andere denunziert) und an ein einfältiges Verständnis gesellschaftlicher Verhältnisse appelliert. Eine Einfalt, die nicht in der Lage ist, abstrakte Strukturen zu begreifen.

»Kauft nicht bei Geschäftemachern, die auf dem Rücken unserer Kurve Kohle machen!«
– Schickeria: »Fankultur vs. Geschäftemacher«

Wenn diese verkürzten Theoreme unter vermeintlichen Bedingungen existenzieller Negation der eigenen Art gedeutet werden (im Sinne Schmitts also: »spezifisch politisch«), ist dem anti-modernen Mob der Weg zur Legitimation körperlicher Gewaltanwendung geebnet: Wenn es um die Reinheit der eigenen (Fußball-) Kultur geht, wird der Grat zwischen Ideologie- und Idiotiekritik noch einmal ein gutes Stück schmaler. Dabei tritt in der Praxis des Wütens der wahre Kern der modernitätsfeindlichen Weltanschauung überdeutlich hervor: Triebabfuhr wie jüngst in Lyon (wo ein vermummter Nazi-Mob Anhänger des Tottenham Hotspur F.C. attackierte – eines Vereins also, der aufgrund seiner jüdischen Geschichte immer wieder Opfer antisemitischer Ausfälle wird) ist die konsequente Zuspitzung des vulgären Geredes von der Reinheit der eigenen Fankultur.
Der ideologische Kern ist aber immer schon präsent, wo zwischen besseren und schlechteren Fans unterschieden wird.

Fotos: thisisourculture.com

Edit: Zum Textarchiv »Für mehr modernen Fußball« 
(Überblicksseite über sämtliche Artikel zum Thema).

11 Kommentare

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  2. Thomas

    Ein wenig den Adorno’schen Sprachbaukasten durcheinanderschütteln, ein Zitat von Carl Schmidt (Nazi!) über Feindbestimmungen und das „radikal Andere“ einfügen, Fans mit „Herzblut“ als BluBo-Fanatiker denunzieren, die Kritik an Finanzinvestoren in der modernen Fußballwelt umstandslos als Angriff auf „den Juden “ interpretieren,: Fertig ist der Fußballfan als geschworener Antisemit. Bißchen gaga, ne? Hey man: This is OLD School! Vor allem: Der Typus von Zweitsemester, der den globalen Kapitalismus („die Moderne“) als naturgesetzlichen Höhe- und Endpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung begreift ( „anders, diffus, unbestimmt und komplex“) sollte sich gewaltig zurückhalten, wenn er Anderen (den Kritikern des Finanzkapitals in der Welt des Fußballs) eine antisemitisch grundierte Deppen-Kapitalismuskritik unterstellt. Wer „Finanzkapital“ sagt, denkt den Juden immer schon mit? Oder wie? Oder was? Junge, Junge, geh mal n büschen an die frische Luft!

    • Lieber Thomas,

      ich komme gerade zurück von der frischen Luft und finde Deinen Kommentar. Ich freue mich, dass Du offenkundig das Level des zweiten Semesters hinter Dir gelassen und das »Finanzkapital in der Welt des Fußballs« nun entsprechend ambitioniert kritisieren kannst. Zwei kurze Notizen von mir zu dem, was im obenstehenden Text passiert ist und was nicht passiert ist:

      1. Kritik auf Finanzinvestoren wurde nicht »umstandlos als Angriff auf ›den Juden‹« interpretiert. Es wurde lediglich darauf hingewiesen, dass einer kurzschlüssigen Kritik (Du nennst sie »Deppen-Kapitalismuskritik«) diese Tendenz inhärent ist. Und diese Deppen-Kritik gibt es leider nach wie vor zuhauf; zumal dort, wo »gegen den modernen Fussball« gewettert wird (exemplarische Belege findest Du ja oben).

      2. Trotzdem ist das ’ne gute Gelegenheit, einen Punkt klar zu machen: Es geht mir ja nicht darum, als Fürsprecher von Sitzplatzkurven, TV-gerechter Eventkultur oder irrwitziger Transfersummen (und was man noch so alles doof finden kann) aufzutreten. Auch nicht darum, die überbordende Verschuldung von Fußballclubs im verzweifelten Streben nach Wettbewerbsfähigkeit gutzuheißen. Sondern gegen eine zu kurz gedachte, unterkomplexe Kritik an dieser Entwicklung. Denn erstere ist mindestens so gefährlich wie der Gegenstand dieser Kritik selbst.

      P.S. Interessant find‘ ich aber, dass Du in Deinem Kommentar eine Verallgemeinerung triffst, vor der ich mich stets hüten würde (»der Fußballfan als geschworener Antisemit«). Das zu behaupten wäre nämlich in der Tat: reichlich gaga.

  3. jochen

    Nun wissen wir, was du alles nicht sagen willst. Was willst du aber sagen? Daß es doofe Fans gibt? Daß sich Fußballanhänger manchmal in die Haare kriegen? Daß das Leben „an sich“ kompliziert ist?

    • Vielleicht, Jochen.
      Womöglich aber auch einfach, dass »gut« in der Regel das Gegenteil von »gut gemeint« ist und dass es eine Kontinuität der Ideologie im blinden Fleck der vermeintlichen Kritik gibt. Das gilt nicht exklusiv für den Fußball, aber auch.

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