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»Mehr selbstbestimmte Künstlichkeit!«

contre-premodern

Der Slogan »Für den modernen Fußball!« bedeutet für uns zuvorderst die fundamentale Opposition zu einem im Kern reaktionären Kulturpessimismus, dessen lamentierende Vertreter (bewusst oder unbewusst) eine Rückkehr zu romantisch verklärten, längst vergangenen und womöglich niemals real existierenden Zuständen fordern. Weil sie nicht in der Lage sind, sich auf die Herausforderungen komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge einen Reim zu machen und dennoch intuitiv spüren, dass diese auch sie etwas angehen: Bei der Arbeit, im eigenen Viertel oder Dorf, im Rahmen der Familie und nun auch noch im Fußballstadion. Die Kulturpessimisten brechen in ihrer Ratlosigkeit verzweifelt die Abstraktheit der modernen, kapitalistischen Gesellschaft auf konkrete Stellvertreter herunter, »um ihr Leiden daran zu artikulieren und ihrer ohnmächtigen Wut und ihrem Haß ein zwar falsches, aber konkretes und wehrloses Ziel zu geben«(1). In einer Art Immunreaktion führen sie gegen die als »moderner Fußball« denunzierte Professionalisierung des Sports eine reaktionäre Utopie ins Feld, die mit Ursprünglichkeit, Echt- und Reinheit assoziiert wird.

Es wird am Beispiel des Fußballs der spätestens seit Jean-Jacques Rousseaus Kulturkritik rechts wie links typische Fehler begangen, sich in Anwendung der Unterscheidung von Natur und Kultur auf die falsche Seite zu schlagen. So erscheint den reaktionären Ideologen in traditioneller deutscher Zivilisationsfeindschaft jedes Abrücken vom Ursprünglichen als Prozess der »Entfremdung« vom Eigentlichen; folgerichtig geht es ihnen zuvorderst darum, den als Verfall diagnostizierten Modernisierungsprozess aufzuhalten, besser noch: ihn rückgängig zu machen. Für sie gilt analog, was Ludwig von Mises 1927 in seiner Schrift »Liberalismus« den sogenannten Wirtschaftsromantikern attestierte: »[Ihr Blick] schweift ins Mittelalter zurück, nicht in das Mittelalter, das einst gewesen ist, sondern in ein Phantasiegebilde, das es nie gegeben hat.  […] Wie glücklich waren da die Menschen ohne moderne Technik und ohne moderne Bildung!«(2) Gegen Komplexität lässt sich bekanntlich nicht demonstrieren – und so bleibt den Fortschrittsfeinden nur die Klage und die Sehnsucht nach einfacheren Zeiten. »Genau diese Sehnsucht bringt ein ›Anti-Red-Bull‹-Aufkleber zum Ausdruck, der im Umfeld der hallischen Ultragruppe ›Saalefront‹ entstanden ist und massenhaft Halle verklebt wurde. Eine barbarische mittelalterliche Bauernmeute, die mit Heugabeln und anderem Feldgerät ausgestattet ist, hat sich zum Mob zusammengerottet und ist ganz offensichtlich in Pogromlaune.«(3) Der Stamm, die Sippschaft, die Bande, der Mob – das sind die Antworten des antimodernen Wahns.

Dass diese Kritiker von der traurigen Gestalt in ihrer Sehnsucht nach archaisch-vorzivilisatorischen Zuständen leichtfertig auch die historischen Errungenschaften und das Emanzipationspotential der Individuation im Zuge der Erfindung des modernen westlichen Bürgertums zu opfern bereit sind, ist offenkundig: Man will hinter den Kapitalismus und seine Freiheiten zurückgehen, anstatt über ihn hinaus. Nur so lässt sich verstehen, dass alles, was nicht als natürlich-gewachsen oder organisch daherkommt als »künstlich« oder als »Kunstprodukt« diffamiert wird. In Anbetracht dieses Elends halten wir es lieber mit der Künstlichkeit: »Statt in der Künstlichkeit den Fortschritt zu erkennen, die Ablösung vom Naturzusammenhang zu feiern und die völlige, weil selbstbestimmte Künstlichkeit einzufordern, wurde dem vom Kapitalismus geschaffenen […] Vorschein von Individualität das kollektivistische Ideal einer organischen Gemeinschaft entgegengestellt, in der von jeher alles zum Glück erforderliche ruhe, wenn sie nur zur Ursprünglichkeit zurückfände.«(4) Konkret wird dann wahlweise von Kultur, Tradition, Heimat oder allerlei Provinzialismen geredet. Gemeint ist immer: Barbarei. Wer in den regressiven Chor »Gegen den modernen Fußball« einstimmt, macht sich mit dieser Barbarei gemein und läuft Gefahr, eine der wichtigsten Errungenschaften (wenn nicht die wichtigste Errungenschaft) der Menschheitsgeschichte aufzugeben: In der Ideologie der Zivilisationsfeinde findet das freie, kosmopolitische Individuum keinen Platz. Und darum verbietet sich jegliche Komplizenschaft mit ihnen:

»Contre le football pré-moderne!«

Eine letzte Anmerkung: Im Zuge der Veröffentlichung unseres Textes »Für mehr modernen Fußball! Eine Stilkritik« bei 120minuten diskutierten wir am Dienstagabend im Rahmen eines »Autorengesprächs« mit den Lesern und Herausgebern auf Twitter. Am Ende der Diskussion standen insbesondere die Fragen im Raum, wie man sich als Fußballfan den Herausforderungen des »modernen Fußballs« stellen könne, ohne in Resignation zu verfallen oder aus Verweigerung den Weg in die nicht-professionalisierten niederen Spielklassen anzutreten. Und wie man sich angesichts der rapiden Professionalisierung von Verbänden wie Vereinen als (kritischer) Fan »treu« bleiben könne. Tatsächlich sind diese Fragen bereits Teil des Problems: Denn die Wertschätzung von Treue und trotziger Widerständigkeit speist sich aus derselben Ideologie, die es so unnachgiebig bloßzulegen gilt.
Die Frage, wie mit dem »modernen Fußball« produktiv umgegangen werden kann, ist nicht beantwortet. Für Vorschläge sind wir jederzeit offen.

Literatur (I)
(1) Thomas Haury: Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus, in: Léon Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992, S. 125 – 159.
(2) Ludwig von Mises: Liberalismus, Stuttgart/Jena 1927 (Volltext hier online).
(3) Bonjour Tristesse: Getrennt in den Farben – Vereint in der Sache, 2010 (online).
(4) Redaktion Bahamas: Für Israel – Gegen die palästinensische Konterrevolution!, in: ISF (Hg.): Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie, Freiburg 2002, S 173 – 187.

Literatur (II)
Weitere Literaturempfehlungen zum Thema – insbesondere in Hinsicht auf den Zusammenhang zwischen antimoderner Kritik und (strukturellem) Antisemitismus – haben wir im Vorfeld des Autorengesprächs in einer Liste zusammengestellt. Sie findet sich hier online. Der Verlauf der Online-Diskussion ist bei 120minuten dokumentiert.

Foto
Ken and Nyetta, Flickr (cc). Dank für die Idee gebührt zudem Lichterkarussell!

moderner-Fussball

3 Kommentare

  1. Jonas

    Vor allem muss man sich auch die Irrationalität vor Augen halten, wenn bei Vereinen wie Leipzig immer von „Konstrukt“, „Kunstprodukt“ etc. gesprochen wird. Kunst ist hier Gegensatz zu was? Zum einen wird damit einhergehend behauptet, die „Traditions“vereine wären das Ergebnis einer irgendwie gearteten natürlichen Evolution, was natürlich falsch ist. Die Gründungsgeschichte des eigenen Vereins wird dann gerne mal verklärt, verbunden mit Behauptungen wie, der Verein sei ursprünglich ein Verbund von Arbeitern gewesen etc. (ebenso sind die Organisationsstrukturen von Bayern oder Dortmund anscheinend weniger problematisch als andere Sponsoringmodelle, auch der unsportliche Standortvorteil von Hertha BSC findet selten Erwähnung)
    Man sollte mal nachfragen, ob der Verein zur Gründung schon ein Traditionsverein gewesen ist (wahrscheinlich wurden damals dann auch andere „Traditionsvereine“ durch die Neugründung verdrängt). Zum anderen liegt, wie im Text angesprochen, eine naive Romantisierung alles Natürlichen vor.
    Das ist natürlich absurd, vor allem, wenn man es eher mit Hobbes als Rosseau hält. „Kunst“ als Gegensatz zu dieser Phantasie einer Natur aufzubauen, macht natürlich keinen Sinn. Gerade auf und neben dem Fußballfeld erlebt man doch viele Ausdrucksformen des Künstlerischen.
    Allerdings glaube ich, dass Ihre Interpretationen zu weitreichend und einseitig sind. Wer „Gegen den modernen Fußball“ ruft, steht natürlich im groben Verdacht, sich nach Provinzialien, romantisierter Natur, etwas nicht Ausdrückbarem etc. zu sehnen. Das kann gemeint sein, muss es aber nicht. Solche Parolen sind natürlich immer überspitzt und stark simplifiziert. Man kann den „modernen Fußball“ beispielsweise in seiner zugenommenen Kommerzialisierung kritisieren, ohne jedoch andere Errungenschaften der Moderne ebenfalls ablegen zu wollen. Es werden einfach (wohl eher durch Naivität und Unwissen) begriffliche Vereinfachungen vorgenommen. Ich finde es daher verfehlt, auf direktem Wege eine versteckte Blut-und-Boden-Ideologie oder strukturellen Antisemitismus daraus herzuleiten.
    Dazu muss man sagen, dass vor allem die Ultra-Gruppierungen sich eben gerne Feindbilder suchen und die eigene Gemeinschaft idealisieren. Das äußert sich nicht nur in in der Tat zwar berechtigter, aber viel zu kurz geratener und einseitiger Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung und Gentrifizierung des Sports, aber in meinen Augen viel eher noch im regelrechten Hass auf andere Gruppen und Authoritäten. Die Polizei ist das Feindbild Nummer eins, man fordert „Freiheit für die Kurve“, ohne die Freiheiten und das Sicherheitsbedürfnis der anderen ernstzunehmen. Man selber „präsentiert“ sich mit Fahnen, Pyrotechnik etc. und „präsentiert“ ebenso Fahnen/Schals, die man anderen Gruppen gestohlen hat. Hier sieht man einfach postpubertäres Verlangen nach Aufmerksamkeit/Bestätigung/Anerkennung. Vereine wie „Leipzig“ sind hier wiederum das „andere“, dem gegenüber man sich als besser/stärker/härter präsentieren kann. Ein Verein wie Leipzig kommt diesen Vertretern doch gerade Recht, da sie sich hier wieder ein Feindbild konstruieren können.
    Allerdings scheint die Ablehnung nicht lange anzuhalten. Beispielsweise gegenüber Hoffenheim sind die Protestaktionen viel leiser geworden. In Hoffenheim selber wurden im Gegenzug bereits Elemente der Ultra-Kultur übernommen (siehe große Choreo letzte Woche).

    Wie gesagt, Ihre Kritik an Kampfparolen wie „gegen den modernen Fußball“ ist auf der einen Seite berechtigt, wenn es um die Romantisierung des Natürlichen (und dem Künstlichen als Gegensatz dazu) geht, unterstellt meines Erachtens aber Elemente, die nicht unbedingt mitgedacht werden. Das die „Moderne“ auch eine Liberalisierung der Gesellschaft mit sich brachte, wird nicht bedauert, sondern einfach vergessen bzw. ausgelassen. Zudem liegt es manchen Gruppen nahe, sich immer neue Feindbilder zu suchen.

    • Moin Jonas.

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Es war nicht unsere Absicht, den Feinden des »modernen Fußballs« pauschal eine bewusste Verachtung für alle Errungenschaften der modernen Gesellschaft zu unterstellen (obwohl das für einen wie-hoch-auch-immer-gearteten Prozentsatz sicherlich auch gelten muss); stattdessen ging und geht es uns darum, auf ihre impliziten (von mir aus auch: unbewussten) Parallelen zur Argumentation des ideologischen (d.h. notwendig falschen) Bewusstseins aufmerksam zu machen. Nicht jeder landet auf diesem Wege beim (strukturellen) Antisemitismus, aber ausgeschlossen ist das nicht. Anschlussfähig dafür ist die von uns kritisierte »Logik« dafür allemal. Ausführlicher formuliert findest Du diesen Gedanken hier: http://120minuten.blogspot.de/p/fur-mehr-modernen-fussball.html

  2. Pingback: Im Zweifel für den Zweifel | vert et blanc

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